Nichts für Feiglinge – „Gertrud“ legt im Schauspielhaus den Finger in die Wunde des Alters
Meist werden ältere Menschen für ihre Jugendlichkeit bewundert. Da ist es regelrecht erfrischend, wenn Regisseur Jakob Fedler in seiner Dramatisierung des Einar-Schleef-Romans „Gertrud“ eine ganz andere Sicht des Alters zu einem der leitenden Handlungsfäden macht: Das im doppelten Sinne peinlich genaue Erforschen des körperlichen Verfalls. - Der Hundertminüter „Gertrud“, eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit dem Schauspielhaus, ist jetzt auch an der Königsallee zu sehen.
„Gertrud“ ist ein fiktiver Monolog, den Schleef, der 2001 verstorbene Universalkünstler, der vor allem als Theaterregisseur in Erinnerung geblieben ist, seiner Mutter in den Mund legt. In stark gekürzter Form bringt Fedler den Stoff auf die Bühne, wobei gleich drei Schauspieler Gertruds komplexe, nicht immer angenehme Persönlichkeit auffächern: Wolfram Koch gewinnt dem körperlichen Verfall der alternden Frau auch komische Seiten ab, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben; die agile Antonia Bill erinnert an die junge Gertrud, die eine ambitionierte Sportlerin war; Almut Zilcher artikuliert Gertruds teils sehr dezidierte politische Ansichten.
Tod des Ehemannes
Ausgangspunkt für Gertruds Reformulierung des eigenen Lebens ist der Tod ihres Ehemannes Willy. Ihre beiden Söhne verlassen die DDR, um sich im Westen ein neues Leben aufzubauen. Gertruds Erinnerungen verweigern sich den Gesetzen der Chronologie, folgen einer assoziativen Logik, die nicht immer ganz leicht zu verfolgen ist, aber kaleidoskopartige Einblicke in ein in mancher Hinsicht exemplarisches Frauenleben erlauben.
Fedler hat eine Partitur geschaffen, mit der seine drei hervorragenden Schauspieler virtuos umzugehen verstehen.
Termine
„Gertrud“ ist am Mittwoch, 31. Januar, um 19.30 Uhr wieder in den Kammerspielen des Schauspielhauses, Königsallee 15, zu sehen.
weitere Termine: Sonntag, 4. Februar, 19 Uhr; Freitag, 16. Februar, 19.30 Uhr.
Autor:Nathalie Memmer aus Bochum |
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